Song Book



 
  A1302A
Title:Einhundert unedierte Lieder des 16. und 17. Jahrhunderts mit ihren zweistimmigen Singweisen (GROSSFORMAT)
Publisher:Ditfurth, Franz Wilhelm Freiherr von. G.J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung / Stuttgart
Year or Century of Publication:1876
Additional Information:Die hier vorliegenden 'Einhundert Lieder des 16. und 17. Jahrhunderts' stammen aus zwei verschiedenen Werken.
Die ersten 67 sind aus einem Liederwerk jener Zeit, dessen erster Theil im tenor folgenden Titel hat: Der erste Theil Schöner kurzweiliger Teutscher Lieder,zu dreyen Stimmen, Nach Art der Neapolitanen oder Welschen Villanellen, newlich Durch Röm: Key: May: Musicum, Jacobum, Regnart componiert, und in Druck verfertigt. Gedruckt zu Nürnberg, durch Katharinam Gerlachin, und Johannes vom Berg Erben. 1578.
Bei der Ausgabe von 1588 hat der Bassus die Jahreszahl 1584.
Diejenige von 1593 führt im Baß den Titel: Tricinia. Kurzweilige teutsche Lieder. Auch diese beiden Ausgaben sind in Nürnberg erschienen. Eine Münchener ist von 1611. Von diesen allen ist nur selten noch ein vollständiges Exemplar vorhanden. Hier ist die von 1578 zu Grunde gelegt.
Von den darin enthaltenen 67 Liedern waren bisher nur einzelne, jedoch ohne Singweisen, bekannt gegeben; die Melodien aber, bis auf eine, ganz übersehen, und nur die zu Nr. 8: Venus, du und dein Kind, dadurch wieder in Erinnerung gebracht, weil sie sich im
evangelischen Kirchenliede befindet, und zwar zu: Man spricht: wer Gott erfreut, Hat g'meiniglich groß Leid.
Literaruische Forscher dieses Gebietes sind mehr den Liedworten, als den Melodien nachgegangen, da zur Gewinnung des musikalischen Theiles immerhin einigesStudium der alten Tonkunst erforderlich ist, zudem von jenen früheren Musikwerken keine Partituren vorliegen, die gleich sichern Ueberblick gewähren, vielmehr erst aus den einzelnen Stimmbüchern jener Zeit mühevoll müssen entworfen werden, was als sehr zeitraubend leicht abschreckt.
Ich selbst hatte schon vor Jahren die ganze Sammlung spartiert, ohne daß mir die so behandelten Melodien sonderlich aufgefallen wären, als andere in zahlreichen ähnlichen Werken damaliger Zeit. Erst neuerlich betrachtete ich sie aufmerksamer, und da sich dieselben als ganz populär ergaben, fügt' ich die zweite Stimme nach Art des Volkes hinzu, wie sie auch wol ursprünglich gesungen worden sind. Da zeigte sich, daß sie in aller Weise verdienen, der Vergessenheit entzogen zu werden. Diese Tricinien des Jacobus Regnart nun sind, wie schon der Titel angiebt, nach Art der Neopolitanen und Villanellen - italienischer Volkslieder - und zwar contrapunctisch dreistimmig gesetzt. In diesem Verfahren verlieren sich freilich die Melodien mehr oder weniger im harmonischen Gewebe, doch sind sie unverstümmelt erhalten geblieben, wenn hin und wieder, nach Kunstgeschmack der Zeit, mit Rückungen versehen, die wol nicht ursprünglich waren. Sie müssen in dieser Gestalt ehemals vielen Beifall gefunden haben, dafür sprechen schon die oben genannten 4 Ausgaben. Für uns jedoch ist Regnart's Bearbeitung sehr ungenießbar. Der sonst tüchtige Meister glaubte nämlich dem Voltsthümlichen der Melodien ganz besonders dadurch gerecht zu werden, daß er in der harmonischen Behandlung überall auf die rohere Kunst ländlicher Sänger in ganzen Reihenfolgen von Quinten und Oktaven, wie aus Spott, hinwies. Er legte sogar auf dies Verfahren ganz besonders Gewicht, da er sich zu jedem der drei Theile in poetischer Form darüber ausspricht.
Können wir freilich gegenwärtig dem alten Meister nicht beistimmen, und Gefallen haben an dieser seiner harmonischenb Behandlung,.... so bleiben die Melodien für uns von hohem Werth, und zwar um so mehr, als ohnehin von populären weltlichen Singweisen jener Zeit bis jetzt nur wenige bekannt gegeben sind. Viele dieser Sammlung gehören wol zu den schönsten ihrer Art und behalten bleibenden Werth. ..... Die übrigen 33 Lieder sind aus handschriftlicher Quelle, und zwar aus einem alten geschriebenen Liederbuche mit Melodien, denen bezifferter Baß hinzugeführt war. .... Auch von diesen 33 Liedern scheint nicht bekannt zu seyn.
Die zweite Stimme der Melodie ward von mir hinzugefügt, und zwar, nach Art des Volkes, höchst einfach, nur hin und wieder tritt leisere Kunst hinzu.
So mögen denn die Langentschlafenen, zum neuen Leben erwacht, nicht ohne Gruß des Willkommens aufgenommen werden!
Nürnberg, am 25. Juli 1874 Der Herausgeber.